Wo der Engel über dem Land die Flügel ausbreitet

Eine erlebnisreiche Kurzreise in den geschichtsträchtigen Norden Englands

VON CAROLA FABER




"Angel of the North" heißt Englands größte Skulptur. Auf einem Hügel bei Newcastle steht ein 20 Meter hoher, gigantischer Engel aus 200 Tonnen Baustahl. Seine Flügel, die eine Spannweite von 54 Metern messen, scheinen sich schützend über den Norden Englands auszubreiten.


Zu der traditionsreichen Region gehören das Burgenland Northumberland, das städtische Tyne and Wear, County Durham mit seiner Klippenküste und die Urlaubsrefugien von Tees Valley. Fast überall begegnen Reisende den Spuren der Wikinger - und Römerzeit. Stolze Burgen aus dem Mittelalter an der zerklüfteten Küste liegen in unmittelbarer Nähe romantischer Sandstrände und Vogelfelsen.
Zum Landschaftsbild gehören auch die zahlreichen, inzwischen geschlossenen Kohleminen.


In Middlesbrough ist das Institut der modernen Kunst (MIMA) sehenswert. Der holländische Architekt Erick van Egeraat hat mit dem Gebäude ein Kunstwerk für die Kunst geschaffen. Das Foyer mit seiner transparenten Fassade bildet einen gelungenen Übergang zwischen Außen und Innen. Es verbindet Galerie sowie öffentlichen Raum und stellt somit eine anregende Interaktion her.
Nur wenige Kilometer nach einer der letzten Schwebefähren der Welt ist mitten im Industrie- und Naturschutzgebiet von Hartlepool ein Beobachtungspunkt für Seehunde, den "Seals Sands", zu finden. Weit berühmter ist die Stadt aber durch die eindrucksvolle Rekonstruktion eines Hafens aus dem 18. Jahrhundert, "Hartlepool Maritime Experience".




Lebendig wird das Seefahrerleben in kleinen Geschäften am Hafen demonstriert. Dabei unterstützen Tonbandaufnahmen und Lichteffekte eine publikumsnahe Präsentation. Im Mittelpunkt steht das älteste schwimmfähige Kriegsschiff Großbritanniens, die "HMS Tricomalee". Sie wurde 1817 auf der Schiffswerft von Bombay im Auftrag der Königlichen Marine gebaut. Im Gegensatz zu vielen anderen historischen Schiffen ist die Tricomalee nie wesentlich verändert oder repariert worden. Etwa 90 Prozent des Rumpfes und seiner Einbauten bestehen noch aus dem ursprünglichen Holz. Bei den spannenden Führungen ist viel über das Leben der Soldaten und Offiziere an Bord zu erfahren. Täuschend echt sind die Puppen dargestellt, die die Menschen an Bord beim Arbeiten, Schlafen oder beim Karten spielen zeigen. Zwischendurch kräht ein Hahn und Ziegen meckern, denn die waren damals als lebender Proviant ebenfalls auf dem Schiff. Höhepunkt des Besuchs im Hartlepool Marittime Experience ist für viele Besucher, besonders für Kinder, das Abfeuern echter Kanonenkugeln. Wer empfindliche Ohren hat, sollte sie sich dann besser zuhalten.
Etwas weiter nördlich liegt die Schatzkiste Durham.
Die mächtigen Türme der Kathedrale sind schon von weitem sichtbar. Das Bauwerk ist eines der imposantesten Beispiele frühromanischer Kirchenarchitektur in England. 1099 von den Normannen erbaut, diente die 143 Meter lange Kathedrale zur Verteidigung der Grenze gegen die aufsässigen Schotten und hütet gleichzeitig eine kostbare Reliquie, den Leichnam des heiligen Cuthbert. Der Legende nach hatten Mönche von der Insel Lindisfarne ihn auf ihrer Flucht vor den Wikingern dorthin gebracht. 999 errichteten sie über seinem Grab eine Kirche. Nur 100 Jahre später wird sie von den Normannen abgerissen. An ihrer Stelle erbauen sie die heutige Kathedrale.


Schon der schottische Romanautor und Erfinder von "Ivanhoe", Sir Walter Scott, beschrieb Durham mit den treffenden Worten: "Halb Kirche Gottes, halb Bollwerk gegen die Schotten".
Den Grundstein für die heutige Kathedrale. Stattliche Zylinderpfeiler im Inneren der Kirche mit Karo- und Zickzackmuster dokumentieren den Machtwillen der Normannen, etwas Neues zu schaffen. Geradezu winzig wirken dagegen die Sängerknaben, wenn sie für ihren täglichen Auftritt in die Kirche einziehen.
Vom 66 Meter hohen Vierungsturm bietet sich ein schöner Blick über das hübsche Städtchen Durham und die angrenzende Umgebung.




Newcastle liegt am Ufer des Flusses Tyne.
Entstanden ist die Stadt aus dem Bau der ersten Brücke über den Fluss, die die Römer Pons Aelius nannten. 1080 bauten die Normannen an gleicher Stelle eine hölzerne Festung, als sie die strategische Bedeutung der Anlage erkannten.
Später wurde die Holzfestung durch einen Bau aus Stein ersetzt. Im 13. und 14. Jahrhundert kamen die Stadtmauern hinzu. Während des Mittelalters entwickelte sich Newcastle zu einer wichtigen Handelsstadt. Durch den frühen Kohleexport und die damit eingenommenen Steuern gelangte die Stadt zu großem Reichtum. Im 17. Jahrhundert kam dort der Schiffsbau auf. Weltweit wurden bis zu 25 Prozent aller Schiffe in Newcastle und Umgebung gebaut. Noch heute ist größtenteils die Form und Struktur des Aussehens Newcastles im 19. Jahrhundert erhalten. Dazu kamen eine neu gestaltete Innenstadt, das Mininig Institute, das Durham College of Science und das College of Medicine sowie zahlreiche Geschäfte und Theater.
Sieben Brücken ragen über den Fluss Tyne. Bekannteste ist die 1925 bis 1928 erbaute Tyne Bridge. Weltweit gilt sie für das Design von Brücken als wegweisend. Die High Level Bridge, die von Robert Stephenson entworfen wurde, war die erste Brücke ihrer Art, die zweigeteilt war, so dass auf dem oberen Teil Züge fahren konnten und unterhalb eine Straße verlief. Neueste Errungenschaft ist als erste kippbare Brücke der Welt die Gateshead Millenium Bridge. Die Quayside bildet mit seiner lebendigen und neuen Kulturszene den Mittelpunkt. Neben den vielen Brücken gibt es noch weitere Sehenswürdigkeiten in Newcastle. "The Sage", ein Gebäude des Stararchitekten Norman Foster, sowie das "BALTIC Centre for Contemporary Art" lohnen unbedingt einen Besuch. Das Grey's Monument wurde 1838 zu Ehren Lord Greys erbaut. Die Statue steht nun auf einer 41 Meter hohen Säule. Ebenso beeindruckend ist St Nicholas Cathedral. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist bis heute Sitz des Bischofs von Newcastle.
Newcastle ist auch bekannt für sein Nachtleben. In den Abendstunden verwandeln sich die Straßen der Stadt und die Ufer des Tynes in eine fröhliche Partymeile. Zahlreiche Pubs, Bars und Nachtclubs laden zu Stippvisiten ein. Wer Vorurteile gegen die englische Küche hegt, wird bei dem Besuch der hervorragenden Restaurants der Stadt eines Besseren belehrt. Fantasievoll und delikat geht es in "The Grainger Rooms", "The Blackfriars" in Newcastle oder in "The Gourmet Spot" in Durham zu.


Das bekannteste römische Bauwerk in Großbritannien ist der Hadrians Wall.
Kaiser Hadrian ließ ihn ab 122 nach Christi an der Grenze zwischen Britannien und Schottland errichten. Die 122 Kilometer lange, fünf Meter hohe, drei Meter breite und von mehreren Forts verstärkte Mauer zieht sich einmal quer durch England und erreicht bei Newcastle die Ostküste.


Während der Grabungen im römischen Lager von Vindolanda am Hadrianswall in Nordengland ist eine große Zahl von Schreibtäfelchen, teilweise mit persönlichen Schriftzeugnissen, gefunden worden. Briefe, Berichte Meldungen und Ähnliches, geben faszinierende Einblicke in den Alltag, das Leben und die Denkweise der Menschen in einer Grenzgarnison der römischen Kaiserzeit. Heute noch werden in Vondolanda täglich Fundstücke der bedeutenden Geschichte geborgen. Mehrere hundert Freiwillige beteiligen sich dort jedes Jahr an den Ausgrabungen. Ist ein wertvolles Dokument gefunden worden, wandert es sofort in das Labor vor Ort. Archäologen unternehmen dort erste Schritte, um die Fundstücke für die Nachwelt zu erhalten.
"Schwester, ich bitte dich sehr, am dritten Tag vor den Iden des Septembers, dem Tag meiner Geburtstagsfeier, zu uns zu kommen, damit Dein Besuch mir den Tag angenehmer mache...
Grüss deinen Cerialis von mir. Mein Aelius und mein kleiner Sohn grüssen... Ich werde Dich erwarten Schwester, lass es Dir gut gehen, Schwester, meine liebste Seele, so wie ich es für mich hoffe, leb wohl." Dieser ergreifende Brief ist eine etwa 1900 Jahre alte Geburtstagseinladung von Claudia Severa, Ehefrau des ritterlichen Offiziers Aelius Brocchus an ihre Freundin Sulpicia Lepidinia, Frau des Präfekten von Vindolanda.
Der Brief dokumentiert nicht nur die Gefühle der Frauen sondern auch deren Lebensgewohnheiten. Beide Frauen und auch der kleine Sohn der Severa folgten demnach den Offizieren an die äußerste Grenze des römischen Reiches und hielten hier ihre gewohnte Lebensführung aufrecht. Für Befehlshaber und Offiziere war der Familiennachzug ins Legionslager oder ins Auxiliarkastell stets die Regel. Ihre Frauen wohnten in den für die Kommandeure vorgesehenen Gebäuden im Lager selbst.


Hoch auf einem Felsgrat liegt Housesteads Roman Fort. Es gilt als eines der am besten erhaltene römischen Forts in ganz Großbritannien. Von oben bietet sich eine fantastische Aussicht über die liebliche Landschaft. Immer noch sind das einstige Hauptquartier, das Haus des Kommandanten, Wohnhäuser der Soldaten, ein Krankenhaus, sowie ein ausgeklügeltes Latrinensystem erkennbar.
Chesters Roman Fort ist ein römisches Kavallerie-Fort. Es liegt am Ufer des River Tyne. Neben interessanten Überresten einer Reihe von Gebäuden wie die Wohnhäuser der Soldaten und Stallungen ist auch ein großes Offiziershaus zu erkennen. Ziel der Besucher ist aber immer das gut erhaltene Badehaus, direkt am Flussufer . Es gibt Aufschluss über die ausgefeilte Bade- und Sauna-Kultur der Römer. Im Clayton Museum sind römische Skulpturen und Steinmetzearbeiten verschiedener Ausgrabensstätten zu sehen.
Beliebteste Art ist die Erkundung der Mauer und ihrer Forts zu Fuß. Heerscharen von Wanderern sind oft tagelang unterwegs, um sich auf eine Reise in eine andere Zeit zu begeben. Gartenfachfrau und Autorin Susi White hat eine andere Annäherung unternommen. In einem Teil ihres Gartens "Chesters Walled Garden" hat sie einen Kräutergarten angelegt - nach römischen Vorbild.


In Saltburn ist das Flair der Viktorianik zu spüren.
Salzgeschmack liegt in der Luft, Möwen kreischen und die Wellen kräuseln sich zu kleinen Schaumkronen auf dem Meer. Ein Bilderbuchsonnentag neigt sich dem Ende. Während die Spaziergänger in Saltburn einen besonders schönen Ausblick vom 424 Meter langen Pier aus dem 19. Jahrhundert genießen, werfen die Angler ein letztes Mal ihre Leinen aus. Unermüdlich üben die Surfer, wie sie sich elegant auf ihren schnittigen Brettern vom Antrieb der Wellen über das Wasser tragen lassen.
Dort wo einst die Dampfer anlegten, ist ein idealer Platz, die Gedanken schweifen zu lassen, sich an die vielfältigen Impressionen einer erlebnisreichen Kurzreise in den Norden Englands zu erinnern.




Informationen:

www.visitbritain.de


www.visitnortheastengland.com
www.visitnewcastlegateshead.com

www.english-heritage.org.uk

www.hartlepoolsmaritimeexperience.com

Reiseführer:

England: www.michael-mueller-verlag.de